Scoping Review: Komplexe Literatur systematisch kartieren

Ein Scoping Review kartiert Umfang, Struktur und zentrale Merkmale eines Forschungsfelds. Im Unterschied zu einer eng gefassten Wirksamkeitsprüfung steht zunächst die systematische Übersicht über vorhandene Konzepte, Evidenzarten und Forschungslücken im Vordergrund.

Du erfährst, wie du eine tragfähige Review-Frage formulierst, Ein- und Ausschlusskriterien festlegst, die Suche dokumentierst, Daten extrahierst und die Ergebnisse transparent aufbereitest.

Brauchst du eine fachliche Einschätzung?

Finde die passende Antwort in der 1a-Studi Akademie oder lass deine konkrete Frage kostenlos von einem Experten einschätzen.

Frage kostenlos prüfen lassen
Scoping Review: Komplexe Literatur systematisch kartieren

Definition und Erkenntnisziel

Scoping Review als kartierende Evidenzsynthese verstehen

Ein Scoping Review untersucht, welche Literatur zu einem breiten oder komplexen Themenfeld vorliegt, wie zentrale Begriffe verwendet werden, welche Studienarten und Methoden vorkommen und wo Forschungslücken bestehen. Das Ziel ist primär die Kartierung eines Feldes, nicht zwingend die Beantwortung einer eng gefassten Wirksamkeitsfrage.

Die Review-Frage wird häufig nach Population, Concept und Context strukturiert. Dieses PCC-Schema unterstützt eine breite, zugleich nachvollziehbar abgegrenzte Fragestellung.

PCC-Element Leitfrage Beispiel
Population Welche Personen, Gruppen oder Einheiten werden betrachtet? Studierende an Hochschulen
Concept Welches zentrale Phänomen oder Konzept wird kartiert? Einsatz generativer KI beim Lernen
Context In welchem institutionellen, geografischen oder fachlichen Umfeld? deutschsprachige Hochschulbildung
Breite benötigt klare Grenzen

Eine offene Review-Frage bedeutet nicht, sämtliche Literatur ohne Kriterien einzubeziehen. Population, Konzept, Kontext, Zeitraum, Sprachen und Dokumenttypen müssen begründet festgelegt werden.

Methodenwahl

Scoping Review von anderen Review-Arten abgrenzen

Review-Typ Typisches Ziel Charakteristische Ausrichtung
Scoping Review Umfang, Konzepte, Methoden und Lücken eines Feldes kartieren breite Frage und häufig heterogene Evidenz
Systematisches Review eine präzise Frage anhand definierter Evidenz beantworten engere Kriterien, systematische Bewertung und Synthese
Narratives Review Forschungsstand argumentativ zusammenführen flexiblere Auswahl und stärker interpretative Darstellung
Mapping Review Forschungsaktivität nach Kategorien oder Merkmalen abbilden quantitative Kartierung eines Literaturbestands
Rapid Review zeitnah eine fokussierte Evidenzübersicht erstellen transparent begründete methodische Verkürzungen

Ein Scoping Review ist geeignet, wenn Begriffe uneinheitlich verwendet werden, die Evidenz sehr heterogen ist oder zunächst geklärt werden soll, ob ein engeres systematisches Review sinnvoll erscheint.

Protokoll und Kriterien

Das Scoping Review vor der Suche planen

  1. Ziel und Review-Frage formulieren: Beschreibe, was kartiert und welche Entscheidung vorbereitet werden soll.
  2. Protokoll erstellen: Lege Suchquellen, Suchstrategie, Auswahlverfahren, Datenextraktion und Auswertung vorab fest.
  3. Ein- und Ausschlusskriterien definieren: Bestimme Population, Konzept, Kontext, Zeitraum, Sprachen und Dokumenttypen.
  4. Informationsquellen auswählen: Begründe Fachdatenbanken, interdisziplinäre Datenbanken, Register und weitere Quellen.
  5. Suchstrategie pilotieren: Teste freie Begriffe, kontrollierte Deskriptoren und bekannte relevante Publikationen.
  6. Screening-Verfahren festlegen: Bestimme Titel-/Abstractprüfung, Volltextprüfung, Kalibrierung und Umgang mit Unklarheiten.
  7. Datenextraktion entwerfen: Lege Felder für Publikation, Population, Methode, Konzept, Kontext und Ergebnisse fest.
Protokolländerungen offenlegen

Scoping Reviews entwickeln sich teilweise während der vertieften Sichtung weiter. Jede wesentliche Abweichung vom Protokoll muss mit Datum und Begründung dokumentiert werden.

Suche und Auswahl

Literatur identifizieren, deduplizieren und screenen

  1. datenbankspezifische Suchstrings vollständig ausführen und protokollieren
  2. Treffer mit Herkunftsfeldern exportieren und Rohexporte sichern
  3. Dubletten nach dokumentierten Regeln bereinigen
  4. Titel und Abstracts anhand der Kriterien prüfen
  5. Volltexte beschaffen und erneut anhand derselben Kriterien bewerten
  6. konkrete Ausschlussgründe für nicht eingeschlossene Volltexte erfassen
  7. bei Unsicherheiten Entscheidungen kalibrieren oder durch eine zweite Person prüfen lassen
  8. Suchaktualisierung vor Abschluss des Reviews planen, sofern der Zeitraum dies erfordert

Bei einer Einzelarbeit kann ein vollständig unabhängiges Doppel-Screening organisatorisch nicht möglich sein. Dann sind ein Pilot-Screening, dokumentierte Entscheidungsregeln und eine transparente Limitation besonders wichtig.

Datenextraktion und Synthese

Die Literatur kartieren und Forschungslücken ableiten

Die Datenextraktion wird im Scoping Review häufig als data charting bezeichnet. Die Extraktionstabelle orientiert sich an der Review-Frage und wird vor der vollständigen Bearbeitung mit mehreren Quellen getestet.

Extraktionsbereich Mögliche Angaben
Bibliografie Autorenschaft, Jahr, Land, Dokumenttyp
Population und Kontext Zielgruppe, Institution, Region, Fachgebiet
Konzept Definition, theoretischer Rahmen, verwendete Terminologie
Methodik Design, Stichprobe, Datenerhebung und Auswertung
Befunde zentrale Ergebnisse mit Bezug zur Review-Frage
Forschungslücke fehlende Populationen, Methoden, Regionen oder Fragestellungen

Ergebnisse können deskriptiv nach Jahren, Ländern, Methoden oder Populationen zusammengefasst und zusätzlich thematisch geordnet werden. Eine Qualitätsbewertung ist nicht in jedem Scoping Review zwingend, kann jedoch je nach Ziel sinnvoll sein. Wird sie durchgeführt, müssen Instrument, Verfahren und Verwendung der Bewertung berichtet werden.

Berichterstattung

PRISMA-ScR und Flow-Diagramm korrekt verwenden

PRISMA-ScR unterstützt die transparente Berichterstattung eines Scoping Reviews [15], [20]. Die Checkliste ersetzt weder die methodische Planung noch die fachliche Begründung der Suche. Das Flow-Diagramm zeigt die Zahlen von Identifikation, Deduplizierung, Screening, Volltextprüfung und Einschluss.

  • Review-Ziel und Fragestellung eindeutig benennen
  • Protokoll und gegebenenfalls Registrierung angeben
  • alle Informationsquellen und Suchdaten berichten
  • mindestens einen vollständigen Suchstring zugänglich machen
  • Auswahlprozess und Ausschlussgründe nachvollziehbar darstellen
  • Datenextraktion, Kategorien und Syntheseverfahren erklären
  • Grenzen der Quellenabdeckung und der eigenen Durchführung diskutieren
  • Finanzierung und Interessenkonflikte offenlegen

Praxisbeispiel

Beispiel für ein Scoping Review im Studium

Eine mögliche Frage lautet: „Welche Einsatzformen generativer KI beim selbstregulierten Lernen von Studierenden werden in der Hochschulforschung beschrieben?“ Die Population umfasst Studierende, das Konzept die KI-gestützte Lernunterstützung und der Kontext die Hochschulbildung.

  1. Fachdatenbanken aus Bildungswissenschaft, Psychologie und Informatik auswählen.
  2. Suchblöcke für Studierende, generative KI und selbstreguliertes Lernen entwickeln.
  3. empirische Studien, konzeptionelle Beiträge und relevante Hochschulberichte nach vorab definierten Kriterien prüfen.
  4. Instrumente, Lernaktivitäten, untersuchte Wirkungen, Risiken und Fachkontexte extrahieren.
  5. Ergebnisse nach Einsatzform und Studienmethodik kartieren.
  6. Forschungslücken, etwa fehlende Langzeitstudien oder unterrepräsentierte Fächer, zurückhaltend ableiten.

Das Ergebnis ist keine pauschale Wirksamkeitsaussage. Es zeigt, welche Forschung vorliegt, wie sie strukturiert ist und welche präziseren Fragen anschließend untersucht werden können.

Qualitätssicherung

Grenzen und Qualitätskriterien eines Scoping Reviews

Ein Scoping Review kann ein breites Forschungsfeld transparent kartieren, erlaubt aber nicht automatisch Aussagen über Wirksamkeit oder die methodische Qualität sämtlicher eingeschlossener Studien. Die Schlussfolgerungen müssen deshalb zum Ziel und zum Umfang des Reviews passen.

  • Review-Frage und Einschlusskriterien müssen vor der Suche feststehen.
  • Abweichungen vom Protokoll werden begründet und dokumentiert.
  • Datenextraktion und Kategorienbildung erfolgen nach einheitlichen Regeln.
  • Heterogene Evidenz wird nicht vorschnell zu einer gemeinsamen Wirkungsaussage verdichtet.
  • Grenzen der Datenbanken, Sprachen, Zeiträume und Dokumenttypen werden im Bericht benannt.
Keine verdeckte systematische Wirksamkeitsprüfung

Soll eine präzise Frage zur Wirksamkeit einer Intervention beantwortet und Evidenz kritisch zusammengeführt werden, ist häufig ein systematisches Review mit engerer Fragestellung geeigneter.

Fazit

Ein Scoping Review kartiert ein Forschungsfeld systematisch und transparent. Eine klare Review-Frage, vorab definierte Kriterien, dokumentierte Such- und Auswahlprozesse sowie eine strukturierte Datenextraktion sichern die Aussagekraft der resultierenden Evidenzkarte.

Teile oder zitiere diesen Artikel

Häufige Fragen und Antworten

Die folgenden Antworten fassen die wichtigsten Anwendungsfragen zu dieser Recherchetechnik zusammen.

Was ist ein Scoping Review?

Ein Scoping Review kartiert systematisch, welche Evidenz, Konzepte, Methoden und Forschungslücken zu einer breiten Fragestellung vorliegen.

Wann ist ein Scoping Review geeignet?

Die Methode eignet sich bei heterogener Literatur, unklarer Begriffsbildung oder einer breiten Frage, bei der zunächst Umfang und Struktur des Forschungsfelds geklärt werden sollen.

Benötigt ein Scoping Review eine Qualitätsbewertung?

Eine kritische Qualitätsbewertung ist nicht in jedem Scoping Review zwingend, kann aber abhängig von Ziel und Protokoll sinnvoll sein. Die Entscheidung muss vorab begründet und transparent berichtet werden.

Welche Rolle spielt PRISMA-ScR?

PRISMA-ScR unterstützt die transparente Berichterstattung eines Scoping Reviews. Es ersetzt weder die fachliche Fragestellung noch das methodische Framework für Planung und Durchführung.

Hat dir dieser Artikel geholfen?

Dein Feedback hilft dabei, die 1a-Studi Akademie gezielter auszubauen und passende Inhalte schneller auffindbar zu machen.

Quellen & Literaturverzeichnis korrigieren

Quellenangaben, Zitationen und Literaturverzeichnis auf Vollständigkeit und korrekte Umsetzung nach APA, Harvard, Chicago oder weiteren Zitierstilen prüfen lassen.

Quellen & Zitation prüfen
KI-Quellenanalyse durchführen

Prüfe, ob durch KI verwendete Quellen tatsächlich existieren und ob Aussagen, Zitate und Belege inhaltlich mit den Originalquellen übereinstimmen.

KI-Quellenanalyse ansehe
Text, Plagiate & KI prüfen lassen

Lass deinen wissenschaftlichen Text sprachlich korrigieren und zusätzlich auf Plagiate, KI-Auffälligkeiten und problematische Textstellen überprüfen.

Plagiat & KI-Check ansehen