Lesedauer: ca. 11 Minuten Artikeltyp: Beispiel

Narratives Interview durchführen

Ein narratives Interview ist eine offene qualitative Interviewform, bei der Befragte frei über persönliche Erfahrungen oder Lebensverläufe erzählen. Es eignet sich besonders zur Analyse subjektiver Sichtweisen, biografischer Erfahrungen und sozialer Bedeutungszusammenhänge. Typische Phasen sind Einstieg, Erzählaufforderung, immanente Nachfragen, exmanente Fragen und Gesprächsabschluss. Wichtig sind offene Fragen, Zurückhaltung des Interviewers, Transkription und die Unterscheidung zwischen realen und rekonstruierten Ereignissen.

Keine passende Antwort gefunden?

Finde eine Antwort in der Akademie oder stelle deine Frage direkt an StudiTutor©.

Frage kostenlos an Experten stellen
Narratives Interview

Methodik

Defintion Narratives Interview

Das narrative Interview ist eine nicht standardisierte qualitative Interviewmethode. Es eignet sich, wenn subjektive Erfahrungen, biografische Entwicklungen, persönliche Bedeutungszusammenhänge oder individuelle Lebensgeschichten untersucht werden sollen.

Während eines narrativen Interviews wird die befragte Person zur ausführlichen Erzählung angeregt. Im Mittelpunkt steht nicht die schnelle Beantwortung einzelner Fragen, sondern eine möglichst freie Darstellung eigener Erfahrungen, Deutungen und Erinnerungen.

Für Bachelorarbeiten und Masterarbeiten ist diese Methode besonders geeignet, wenn ein tiefer Einblick in individuelle Perspektiven gewonnen werden soll. Gleichzeitig verlangt das narrative Interview eine sorgfältige Vorbereitung, sensible Gesprächsführung, aufwendige Transkription und methodisch reflektierte Auswertung.

Kurz erklärt:
Ein narratives Interview ist ein offenes qualitatives Interview, bei dem die befragte Person ihre Erfahrungen möglichst frei erzählt. Ziel ist es, subjektive Sichtweisen, biografische Verläufe und persönliche Bedeutungsstrukturen zu verstehen.

1a-Studi-Tipp

Nutze ein narratives Interview nur, wenn deine Forschungsfrage wirklich auf Erzählungen, Lebensverläufe oder subjektive Erfahrungen zielt. Für klar vergleichbare Expertenaussagen ist häufig ein semistrukturiertes Interview besser geeignet.

Ablauf

Narrative Interviews Ablauf

Das narrative Interview gehört zur nicht standardisierten qualitativen Forschung. Es ist nicht als klassisches Frage-Antwort-Interview aufgebaut, sondern gibt der befragten Person größtmöglichen Raum für eine eigene Erzählung.

Ziel ist es, biografische Informationen, Erfahrungen und subjektive Sichtweisen zu erfassen. Weniger im Mittelpunkt stehen reine Fakten. Entscheidender ist, wie die befragte Person Ereignisse rekonstruiert, deutet und in einen persönlichen Zusammenhang bringt.

Ablauf eines narrativen Interviews

Phase Funktion Worauf du achten solltest
1. Einstieg Gesprächsatmosphäre herstellen und organisatorische Punkte klären. Einwilligung, Aufzeichnung, Vertraulichkeit und Ablauf verständlich erklären.
2. Eingangsfrage Die befragte Person zur freien Erzählung anregen. Nicht unterbrechen und nur kommunikationsunterstützend begleiten.
3. Immanente Fragen Direkt an bereits Gesagtes anschließen. Nach Details, offenen Leerstellen oder abgebrochenen Erzählmomenten fragen.
4. Exmanente Fragen Forschungsrelevante Themen ergänzen, die bisher nicht angesprochen wurden. Nur nachfragen, wenn zentrale Aspekte für die Forschungsfrage fehlen.
5. Gespräch abrunden Interview abschließen und Raum für Ergänzungen geben. Erfahrungen aus dem Gespräch aufnehmen, bedanken und weiteres Vorgehen erklären.

Charakter des narrativen Interviews

Die Eingangsfrage ist der wichtigste Impuls. Sie sollte offen, erzählgenerierend und an der Forschungsfrage ausgerichtet sein. Danach erhält die befragte Person Raum, ihre Erfahrungen selbst zu strukturieren.

Beispiel für eine Eingangsfrage:
Bitte erzählen Sie, wie Sie den Übergang vom Präsenzstudium zum digitalen Studium erlebt haben.

Thesis-Sprint

Deine Methodik braucht einen Plan

„Thesis Sprint“ ist dein praktischer Begleiter für Bachelorarbeit, Masterarbeit und Hausarbeit. Das Buch führt dich Schritt für Schritt durch Thema, Fragestellung, Aufbau, Methodik, Zitation und Schreibprozess. Print & E-Book ansehen

  • Forschungsfrage entwickeln
  • Methodik logisch begründen
  • roten Faden in der Arbeit sichern
  • typische Fehler früh vermeiden
Thesis Sprint ansehen

Beispiel

Narrative Interviews Beispiel

Bevor du dich für das narrative Interview entscheidest, solltest du die Vor- und Nachteile mit deinem Forschungsinteresse abgleichen. Die Methode liefert besonders tiefe Einblicke, ist aber zeitaufwendig und schwerer zu standardisieren.

Vor- und Nachteile narrativer Interviews

Vorteile Nachteile
Tiefe Einblicke in individuelle Bedeutungszusammenhänge werden möglich. Starke Subjektivität erschwert die Generalisierung der Ergebnisse.
Detaillierte Informationen ermöglichen ein vertieftes Verständnis. Verzerrungen durch Erinnerung, Darstellung und Gesprächssituation sind möglich.
Neue Hypothesen und Forschungsfragen können entwickelt werden. Die Qualität der Daten hängt stark von der Erzählfähigkeit der befragten Person ab.
Hoher Praxisbezug und starke Nähe zur Lebenswelt der Befragten. Erhebung, Transkription und Auswertung sind zeitaufwendig.

Beispiel für ein narratives Interview

Narratives Interview Vorlage

Die folgende Vorlage zeigt dir einen Aufbau eines narrativen Interviews.

Download

Eine Masterarbeit untersucht, wie Studenten den Abbruch eines Studiums erlebt und biografisch verarbeitet haben. Statt einzelne kurze Fragen zu stellen, wird die befragte Person mit einer offenen Eingangsfrage zur Erzählung angeregt.

Beispielhafte Eingangsfrage:
Bitte erzählen Sie, wie es dazu kam, dass Sie Ihr Studium abgebrochen haben, und wie Sie diese Phase erlebt haben.

Mögliche immanente Nachfrage: Sie haben erwähnt, dass der Zeitpunkt der Entscheidung besonders schwierig war. Können Sie diese Situation genauer beschreiben?

Mögliche exmanente Nachfrage: Welche Rolle haben Beratung, Familie oder finanzielle Faktoren in dieser Entscheidung gespielt?

Vorbereitung der Befragten

Vor dem Interview sollte die befragte Person wissen, dass es sich um ein narratives Interview handelt. Dadurch kann sie sich darauf einstellen, ausführlich zu erzählen und eigene Schwerpunkte zu setzen.

Praxis-Tipp:
Erkläre vorab, dass keine kurzen Ja-Nein-Antworten erwartet werden. Die befragte Person soll frei erzählen und eigene Erfahrungen in ihrem Zusammenhang darstellen.

Auswertung

Auswertung narratives Interview

Vor der Auswertung eines narrativen Interviews sollte ein Transkript erstellt werden. Dieses bildet die Grundlage für die Analyse der Erzählstruktur, Schlüsselthemen, Motive und Deutungen.

Bei der Auswertung ist zwischen realen Ereignissen und rekonstruierten Ereignissen zu unterscheiden. Die befragte Person berichtet nicht neutral über die Vergangenheit, sondern erzählt Ereignisse aus heutiger Perspektive und ordnet sie nachträglich.

Wichtige Unterscheidung in der Auswertung

Ebene Bedeutung Analysefrage
Reales Ereignis Das Ereignis, das tatsächlich stattgefunden haben kann. Welche biografischen oder sozialen Ereignisse werden beschrieben?
Rekonstruiertes Ereignis Die nachträgliche Deutung und Darstellung durch die befragte Person. Wie wird das Ereignis erinnert, bewertet und in die eigene Lebensgeschichte eingeordnet?
Erzählstruktur Die Art, wie die Person ihre Geschichte aufbaut. Welche Brüche, Schwerpunkte oder wiederkehrenden Muster werden sichtbar?

Anleitung zur Auswertung narrativer Interviews

1. Transkript lesen


Lies das transkribierte Interview mehrfach, um ein grundlegendes Verständnis für Inhalt und Erzählzusammenhang zu entwickeln.

2. Schlüsselthemen herausarbeiten


Identifiziere zentrale Themen, Erzählstrategien, Motive und biografische Wendepunkte.

3. Interpretation und Reflexion


Interpretiere zentrale Elemente und reflektiere, wie subjektive Deutungen entstanden sein könnten.

4. Ergebnisse zusammenfassen


Verdichte die zentralen Erkenntnisse und beziehe sie auf Forschungsfrage und theoretischen Rahmen.

Typische Auswertungsschwerpunkte

  • biografische Wendepunkte
  • zentrale Motive und Deutungsmuster
  • Brüche und Übergänge in der Erzählung
  • wiederkehrende Themen
  • Selbstdeutung der befragten Person
  • Unterschied zwischen Ereignis und Erinnerung
  • soziale und institutionelle Einflussfaktoren

Nach Rosenthal, Schütze, Küsters

Narratives Interview nach Rosenthal, Schütze und Küsters

Gabriele Rosenthal, Fritz Schütze und Ivonne Küsters haben die Methode des narrativen Interviews wesentlich geprägt. Ihre Ansätze betonen die Bedeutung von Erzählungen für die Rekonstruktion subjektiver Erfahrungen und sozialer Prozesse.

Fritz Schütze

Fritz Schütze entwickelte das narrative Interview in den 1970er-Jahren im Kontext der qualitativen Sozialforschung. Im Zentrum steht die Stegreiferzählung, bei der Befragte persönliche Erfahrungen möglichst frei darstellen.

Der Interviewer vertieft die Erzählung anschließend mit nicht standardisierten Nachfragen. Dadurch werden subjektive Bedeutungsstrukturen, Handlungszusammenhänge und biografische Prozesse sichtbar.

Gabriele Rosenthal

Gabriele Rosenthal entwickelte die biografisch-narrative Gesprächsführung weiter. Sie betont, dass die Erzählung eigener Bedeutungsstrukturen auch in pädagogischen und beraterischen Kontexten eine reflexive Funktion besitzen kann.

Biografisch-narrative Interviews nach Rosenthal

Phase Beschreibung Funktion
1. Biografische Haupterzählung Die interviewte Person wird zu einer freien biografischen Erzählung angeregt. Eigene Schwerpunktsetzung und Erzählstruktur werden sichtbar.
2. Gezielte Nachfragen Der Interviewer vertieft Aspekte aus der Haupterzählung. Offene Stellen, Details und biografische Zusammenhänge werden geklärt.
3. Forschungsrelevante Themen Bisher nicht angesprochene Forschungsthemen werden ergänzt. Die Forschungsfrage wird gezielt abgesichert.

Ivonne Küsters

Ivonne Küsters betrachtet Erzählungen als Repräsentationen sozialer Prozesse. Sie hebt hervor, dass narrative Interviews besonders dann geeignet sind, wenn retrospektive Erzählungen erhoben werden sollen.

Ihr Vorgehen orientiert sich an Rosenthal und Schütze und betont ebenfalls einen mehrphasigen Gesprächsverlauf. Dadurch wird sichergestellt, dass die befragte Person zunächst frei erzählt und erst später forschungsbezogene Nachfragen gestellt werden.

Wichtig:
Narrative Interviews eignen sich besonders für retrospektive Erzählungen. Wenn keine persönliche Erfahrung oder biografische Entwicklung im Mittelpunkt steht, ist eine andere Interviewform häufig passender.

Checkliste

Narratives Interview richtig einsetzen

Das narrative Interview ist wissenschaftlich überzeugend, wenn Forschungsfrage, Interviewimpuls, Gesprächsführung, Transkription und Auswertung methodisch zusammenpassen.

Checkliste narratives Interview

  • Passt das narrative Interview zur Forschungsfrage?
  • Stehen Erfahrungen, Lebensverläufe oder subjektive Deutungen im Mittelpunkt?
  • Ist die Eingangsfrage offen und erzählgenerierend formuliert?
  • Wird die befragte Person in der Haupterzählung nicht unterbrochen?
  • Sind immanente und exmanente Nachfragen vorbereitet?
  • Liegt eine Einwilligung zur Aufzeichnung vor?
  • Wurde ein geeignetes Transkriptionsverfahren festgelegt?
  • Werden reale und rekonstruierte Ereignisse in der Auswertung unterschieden?
  • Werden Erzählstrategien, Motive und Bedeutungszusammenhänge analysiert?
  • Werden Grenzen der Methode kritisch reflektiert?

Typische Fehler beim narrativen Interview

Fehler Problem Bessere Lösung
zu viele Unterbrechungen Die freie Erzählung wird gestört. Während der Haupterzählung nur unterstützend begleiten.
zu enge Eingangsfrage Die Antwort bleibt kurz und wenig narrativ. eine offene, erzählgenerierende Frage formulieren.
fehlende Auswertungslogik Das Interview wird nur nacherzählt. Schlüsselthemen, Erzählstruktur und Deutungsmuster analysieren.
Fakten und Deutungen vermischen Subjektive Rekonstruktionen werden als objektive Ereignisse behandelt. zwischen Ereignis und erzählter Erinnerung unterscheiden.
unpassende Methode Das narrative Interview passt nicht zum Forschungsziel. prüfen, ob Leitfadeninterview oder Experteninterview geeigneter ist.

Wissenschaftlich belastbar ist ein narratives Interview dann, wenn die Erzählung der befragten Person nicht nur dokumentiert, sondern methodisch interpretiert und kritisch reflektiert wird.

Fazit

Das narrative Interview ist eine offene qualitative Interviewmethode zur Erhebung subjektiver Erfahrungen, biografischer Verläufe und individueller Bedeutungszusammenhänge. Der Ablauf umfasst Einstieg, erzählgenerierende Eingangsfrage, immanente Nachfragen, exmanente Fragen und Gesprächsabschluss. Entscheidend sind offene Gesprächsführung, sorgfältige Transkription und eine Auswertung, die zwischen Ereignissen und nachträglichen Rekonstruktionen unterscheidet.

Teile oder zitiere diesen Artikel

Häufige Fragen & Antworten

Du hast noch weitere Fragen zur Methodik? Dann recherchiere weiter in der 1a-Studi Wissensdatenbank.

Was ist ein narratives Interview?

Ein narratives Interview ist eine qualitative Interviewform, bei der die befragte Person eigene Erfahrungen, Wahrnehmungen und Ereignisse in erzählender Form darstellt. Im Mittelpunkt steht nicht ein fester Fragenkatalog, sondern eine möglichst freie Erzählung. Ziel ist es, subjektive Bedeutungen, biografische Zusammenhänge und individuelle Deutungen eines Themas zu erfassen.

Wann ist ein Interview qualitativ und narrativ?

Ein Interview ist qualitativ und narrativ, wenn es auf subjektives Erleben, persönliche Erfahrungen und individuelle Deutungen ausgerichtet ist. Statt messbarer Daten stehen Erzählungen, Zusammenhänge und Bedeutungen im Vordergrund. Die befragte Person erhält Raum, eigene Schwerpunkte zu setzen und Ereignisse aus der eigenen Perspektive zu rekonstruieren.

Wann eignet sich ein narratives Interview und wann ein problemzentriertes Interview?

Ein narratives Interview eignet sich, wenn persönliche Erfahrungen, biografische Verläufe oder subjektive Erzählungen im Mittelpunkt stehen. Es ist besonders sinnvoll, wenn die befragte Person ihre Geschichte weitgehend frei darstellen soll. Ein problemzentriertes Interview eignet sich dagegen, wenn ein konkretes Problem, eine bestimmte Fragestellung oder ein klar abgegrenzter Themenbereich untersucht wird. Dort verbindet der Leitfaden Offenheit mit stärkerer thematischer Steuerung.

Welche Auswertungsmethode eignet sich für ein narratives Interview?

Für narrative Interviews eignen sich qualitative Auswertungsmethoden, die Erzählstruktur, Bedeutungen und Deutungsmuster sichtbar machen. Häufig genutzt werden qualitative Inhaltsanalyse, narrative Analyse oder rekonstruktive Verfahren. Die qualitative Inhaltsanalyse kann eingesetzt werden, wenn zentrale Themen systematisch codiert und kategorisiert werden sollen. Narrative Analyse eignet sich besonders, wenn Aufbau, Wendepunkte, Erzähllogik und biografische Sinngebung im Zentrum stehen.

Hat dir dieser Artikel geholfen?

Dein Feedback hilft dabei, die 1a-Studi Akademie gezielter auszubauen und passende Inhalte schneller auffindbar zu machen.

Methodisches Design & Ergebnisse prüfen

Die 1a-Studi Expereten prüfen die Durchführung und Auswertung deiner Literaturarbeit oder empirischen Forschung.

Inhalts-Check ansehen
Korrektur der Schachstellen

Hast du alle wissenschaftlichen Kriterien und Inhalte richtig und vollständig umgesetzt? Experten finden es heraus.

zum LektoratPremium
Experten fragen (kostenlos)

Du schreibst noch an deine Arbeit oder hast Fragen zum wissenschaftlichen Arbeiten? Experten beantworten dir deine Fragen.

Dann nutze StudiTutor©
Persönliche Unterstützung

Du bis dir unsicher bei der methodischen Umsetzung deiner Forschung?

Bei 1a-Studi findest du die passende Unterstützung. Mit unseren Expertenanleitungen und einer akademischen Betreuung führen wir deine Arbeit zum studentischen Erfolg.

Mehr über Beratung & Coaching
Methodik Coaching